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Digitalisierung in der Sicherheitsbranche

20 Feb

Digitalisierung in der Sicherheitsbranche

Dortmund. Big Data, Cloud Computing, Künstliche Intelligenz, Block Chain, Internet der Dinge oder Industrie 4.0. Beinahe täglich begegnen uns neue Technik-Begriffe, die im Kontext mit der Digitalisierung stehen. Auch wenn sich dem Laien diese Begriffe nicht unmittelbar erschließen, verfolgen die Entwickler mit ihren technischen Innovationen jedoch alle ein gemeinsames Ziel: Sie wollen mit den Produkten Unternehmen helfen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern oder zumindest zu erhalten oder dabei unterstützen, neue Geschäftsfelder oder Geschäftsmodelle zu erschließen. Auch die private Sicherheitsbranche kann sich einer Digitalisierung nicht verschließen. Doch anders als in anderen Branchen steht bislang (noch) der Mensch im Mittelpunkt der meisten Tätigkeiten. Ob das so bleibt oder ob die rasante technische Entwicklung mittelfristig auch die Sicherheitsbranche erschüttert, bleibt abzuwarten. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wohin die Reise geht, haben wir uns auf eine Spurensuche begeben.

Wir beginnen mit etwas Science-Fiction

Wir beginnen mit etwas Science-Fiction. Irgendwo mitten in Deutschland im Jahr 2051: Revierfahrer Stephan Müller hat gerade seine Schicht begonnen. Ganz entspannt lässt er sich von seinem selbstfahrenden Dienstwagen von Objekt zu Objekt chauffieren, als er über den Bordcomputer seines Wagens einen Einbruch-Alarm erhält. Völlig autark steuert das Fahrzeug das betroffene Objekt an.

Dort angekommen, springt aus dem Heck des Wagens ein mit sensiblen Geruchssensoren ausgestatteter Roboterhund und beginnt das Objekt nach einem möglichen Delinquenten abzusuchen. Gleichzeitig steigt vom Dach des Fahrzeugs eine hochmoderne, mit Wärmebildkameras ausgestattete autonome Drohne auf, um den Roboterhund möglichst zügig zum Einbrecher zu navigieren, damit der ihn stellen kann.

Auftrag sauber und smart erledigt

Die inzwischen vom komplett vernetzten Steuerungssystem des Fahrzeugs automatisch alarmierten und zum Übergabeort geführten Ordnungshüter der Polizei brauchen den Einbrecher nur noch einsammeln und einkerkern. Auftrag sauber und total smart erledigt. Und das Beste aus der Sicht unseres Revierfahrers: Er brauchte für die ganze Chose nicht einmal seinen Dienstwagen verlassen. Klingt also nach einem echten Traumjob der Zukunft. Unanstrengend. Ungefährlich. Unnatürlich. Aber auch undenkbar?

Dort, wo Menschen auf Maschinen treffen, bekomme ich ein Problem

Simon Schneider, Geschäftsführer des Softwareanbieters „Dienstplanmacher“, ist selbst ständig auf der Suche nach der nächsten Stufe der Digitalisierung für die private Sicherheitsbranche. Er ist überzeugt davon, „dass Roboter Einzug halten werden“. Allerdings: ein Szenario wie oben beschrieben, hält er für undenkbar, bekommt sogar Bauchschmerzen nur bei der Vorstellung daran. Zwar seien seiner Einschätzung nach „verschiedenste Einsatzmöglichkeiten“ von Maschinen realisierbar, „aber dort, wo Menschen auf Maschinen treffen, bekomme ich ein Problem“, betont er.

Denn die Fragen, die sich daraus ergeben würden, seien vielfältig. Beispielsweise die nach der Haftung: „Wer ist verantwortlich, wenn der Roboter einen Schaden verursacht? Der Programmierer? Der Hersteller? Macht Sinn. Aber was ist, wenn ersterer tot ist und die Hersteller-Firma nicht mehr existiert? Muss dann der Unternehmer, der den Roboter einsetzt, den Kopf hinhalten?“ Schneider geht daher davon aus, dass bei bestimmten Szenarien der Mensch auf Sicht nicht zu ersetzen ist. „Nehmen wir mal ein Fußballstadion, in dem die Gänge freigehalten werden müssen. Diesen Job kann man doch keinem Roboter übertragen. Da fehlt den Zuschauern doch der Respekt vor. Vor allem wenn Alkohol im Spiel ist. Dann fällt die Hemmschwelle. Da sehe ich vor meinem inneren Auge den Roboter schon die Stufen runterpurzeln.“

Die Maschine wird den Menschen nie ersetzen

Auch Michael Kulig, Geschäftsführer vom Software-Haus „Coredinate“ ist ähnlicher Ansicht: „Ich denke jetzt schon relativ sicher sagen zu können, dass es wohl zu keinem Zeitpunkt dazu kommt, dass die Maschine den Menschen in der Sicherheitsbranche ersetzen wird. Spätestens dann, wenn es darum geht, zu reagieren oder zu intervenieren, ist der Mensch auf weite Sicht noch gefragt.“ Aber auch technisch sei man derzeit noch meilenweit davon entfernt, den Menschen durch eine Maschine zu ersetzen. „Allein bis die ersten Roboter mal stabil ein Treppenhaus rauf und runter kommen – was der Wachmann im Schlaf beherrscht –, werden wohl noch Jahrzehnte vergehen.“

Natürlich gebe es da inzwischen schon beeindruckende Beispiele für gut funktionierende Maschinen, etwa von der Firma „Boston Dynamics“. Wenn man sich bei YouTube Videos autonomer Laufroboter der Firma aus Massachusetts anschaue, könne einem schon angst und bange werden, was da mittlerweile möglich ist, betont Kulig. Er selbst schaue darauf mit einer gewissen Skepsis. „Weil, geben Sie dem Ding doch mal ein Maschinengewehr in die Hand. Dann kann man sich direkt den ‚worst case‘ vorstellen.“

Nicht den dritten Schritt vor dem ersten machen

Aber muss man sich als Unternehmer in der Sicherheitsbranche überhaupt mit derartigen Zukunftsvisionen auseinandersetzen? Wohl kaum. Denn das würde bedeuten: Man will den dritten Schritt vor dem ersten machen. Man will Ferrari fahren, hat aber gar keinen Führerschein. Man plant eine Hochzeit, hat aber gar keinen Partner. Daher sehen sowohl Simon Schneider von den „Dienstplanmachern“ als auch Michael Kulig von „Coredinate“ einen ganz anderen Schwerpunkt für die Digitalisierung der Sicherheitsbranche: Der Dokumentation der Dienstleistung. Was dieses Thema anbelangt, haben beide in der jüngeren Vergangenheit so ihre negativen Erfahrungen gemacht. Michael Kulig fällt diesbezüglich sogar ein vernichtendes Urteil über die gesamte Branche.

„Tatsächlich ist es so, dass wir, was die Dokumentation der Arbeit angeht, die Dokumentation der Dienstleistung, in der privaten Sicherheitsbranche eigentlich in der Steinzeit stecken geblieben sind.“ Er sei schockiert darüber, wie oft er bei Gesprächen mit Wachdiensten auf seine Frage „Wie arbeiten Sie bisher?“ die Antwort „Mit dem Rechenblock“ erhalten habe. „Es gibt also allen Ernstes noch Unternehmen, deren Mitarbeiter nachts mit der Taschenlampe in der Hand bei strömenden Regen auf einem Rechenblock die Vorkommnisse notieren, die sie in einem Objekt festgestellt haben. Am besten legt der Mitarbeiter das handschriftliche Protokoll nach Schichtende dann noch aufs Faxgerät und schickt es so dem Kunden zu. Also da erlebt man haarsträubende Geschichten.“

Bummelzug statt ICE

Wer jetzt denkt: Das sind Einzelfälle, das sind doch Ausnahmen, das sind Ringeltauben, den belehrt Simon Schneider eines Besseren: „Aktuell gibt es rund 6000 – 7000 private Sicherheitsunternehmen in Deutschland. Es existiert eine Statistik, dass insgesamt maximal 1000 dieser Unternehmen über 50 Mitarbeiter haben. Gerade die kleinen Unternehmen, sind aber häufig nicht an einer Digitalisierung ihres Unternehmens interessiert. Damit verschenken sie aber ohne Ende Ressourcen“. Scheinbar nehmen viele in der Branche immer noch lieber den Bummelzug als den ICE.

Bevor wir uns aber auf Spurensuche begeben, warum das so ist, warum die Branche so hinterherhinkt, warum sie die vorhandenen Möglichkeiten nicht nutzt, um effizienter zu arbeiten, wollen wir erst einen Blick darauf werfen, wie Sicherheitsdienstleister mit digitalen Produkten die Effizienz und damit die Wirtschaftlichkeit ihres Unternehmens steigern können. Im Mittelpunkt steht dabei ein Gerät, dass für die meisten von uns kaum noch aus dem Alltag wegzudenken ist, ja, das den Alltag vieler sogar revolutioniert hat: Das Smartphone.

Smartphone ein absoluter Gewinn für die Branche

„Man muss sagen, dass alleine schon das Smartphone ein absoluter Gewinn für die Branche ist“, betont Simon Schneider. Der modern ausgestattete Sicherheitsdienstmitarbeiter erhält inzwischen über das mobile Telefon alle Informationen, die er für seinen Dienst benötigt. Das betrifft zum einen das operative Geschäft, also den Einsatz eines Online-Wächterkontrollsystem, mit dem etwa der komplette Objektschutz aber auch Revier- und Interventionseinsätze digitalisiert werden, sowie Alarmberichte und möglicherweise Fotos unmittelbar an den Kunden verschickt werden können. „Selbst die Anfahrt zum Objekt wird digital unterstützt“, erklärt Simon Schneider. So könne der Sicherheitsmitarbeiter beispielsweise via Google-Maps zum Ziel gelotst werden.

Es gehe also darum, Prozesse zu straffen, Brüche im Workflow zu vermeiden. „Und genau das ist ja das, was digitale Lösungen tun, betont Michael Kulig in diesem Kontext. Prozesse vereinfachen, beschleunigen und so entschlacken. Das beginne bei der Erfassung eines Ereignisses durch den Wachmann und gehe durch bis zum Kunden, ohne dass eine andere Person involviert werden müsse; ohne dass es zu einer Unterbrechung in der Kommunikationskette komme. „Denn es ist ja ein enormer Kostenfaktor, wenn das alles dezentral gemacht und viel analog und offline gearbeitet wird“, so Kulig.

Kamera erkennt mögliche Bombe am Bahnhof

Ein zweiter wichtiger Faktor ist die Meldetechnik, also der Trichter, durch den die Informationen hereinkommen. „Da erleben wir momentan ein Verschmelzen der Videotechnik mit der Alarmtechnik, aber auch ein Aufkeimen der künstlichen Intelligenz“, erklärt Michael Kulig und schiebt das Stichwort „Videoauswertungen“ nach. „Was sind Kameras der Zukunft im Stande dem Bild abzugewinnen?“, fragt er. Die 250 Euro-Kamera etwa, die er an seinem Privathaus installiert habe, sei bereits in der Lage zu erkennen, wenn ein Gegenstand im Bild ist, der vorher nicht da war und nun seit längerem dort stehe.

Klingt wie eine Spielerei, hat aber einen ernsten Hintergrund, respektive seine absolute Berechtigung: „Da geht es also beispielsweise darum, dass man am Bahnhof mit Hilfe einer Kamera eine als Koffer getarnte Bombe identifizieren kann. Mitten in der Menschenmenge. Und ein Mensch muss das dann eben nicht mehr tun; muss nicht mehr den ganzen Tag auf eine Wand aus Bildschirmen starren.“ Ähnliches gelte auch für die Alarmverifikation. So seien die Bewegungsmelder zunehmend mit Kameras ausgestattet. „Das heißt, der Bewegungsmelder kann ein Bild an die Leitstelle liefern und ein Mensch kann dann entscheiden, es liegt ein Alarm vor und er schickt dann einen Wachdienst raus. Oder es handelt sich um einen Fehlalarm und keine Reaktion ist nötig. In dem Bereich hat sich wirklich viel getan in den letzten Jahren.“

Auch fürs Backoffice spielt die Digitalisierung eine wichtige Rolle

Insgesamt profitiere die Sicherheitsbranche von den Möglichkeiten, die die Digitalisierung in Sachen Verständigung mitbringt. „Ein großer Vorteil liegt sicher darin, dass Kommunikation in Echtzeit möglich wird. Das betrifft sowohl die Kommunikation vom Mitarbeiter zum Vorgesetztem als auch zum Kunden. Vor allem an den Online-Wächterkontrollsystemen via Handy wird also die Digitalisierung spürbar“, unterstreicht auch Simon Schneider.

Eine enorm wichtige Rolle spielt die Digitalisierung aber auch für das Backoffice. Mit entsprechender Software lassen sich Dienstpläne, Dienstanweisungen, sämtliche Daten zu Objekten, Kunden und Aufträgen organisieren und verwalten. „Da habe ich zuletzt da einige innovative Angebote im BVMS beobachtet“, so Kulig, der mit seiner Firma „Coredinate“ einer der führenden Anbieter von Online-Wächter Kontrollsystemen ist.

Digitale Dienstpläne erleichtern die Arbeit enorm

Beispielsweise wenn er auf die digitalen Dienstplanlösungen schaue. „In wie vielen Unternehmen werden noch Excel-Tabellen an die Mitarbeiter verschickt?“ Und selbst das sei ja schon fortschrittlich. „Wahrscheinlich gibt es Unternehmer, die Füllen Dienstpläne noch handschriftlich aus wie Stundenpläne in der Schule und verteilen sie dann persönlich an jeden einzelnen.“ Insofern sei alles, was digital stattfinde, ein Schritt nach vorne. „Für mich gibt es da auch keinen Weg mehr zurück“, betont Kulig. Ein Faden, den Simon Schneider gerne aufnimmt, schließlich bildet die digitale Organisation des Backoffices einen Großteil des Geschäftsmodelles seines Unternehmens, wie der Name „Dienstplanmacher“ unschwer erkennen lässt. „Der moderne Unternehmer erstellt und verwaltet seine Dienstpläne inzwischen digital.“

Das habe den Vorteil, dass jeder Mitarbeiter jederzeit über ein entsprechendes Endgerät den Dienstplan einsehen könne, aber auch Wünsche nach bestimmten Diensten oder Urlaub digital kommunizieren könne. „Früher bekam man den Dienstplan per Post. Wurde er aus irgendeinem Grund dann noch einmal geändert, bekam man ihn erneut: natürlich wieder per Post.“ Fred Feuerstein lässt grüßen.

Verwaltung des Personals wird zum Kinderspiel

Nicht weniger komfortabel sei die digitale Verwaltung des Personals. Denn die sei auf diesem Wege voll umfänglich, schnell, präzise und einfach machbar. „Inzwischen sind sämtliche Schritte, beginnend bei der Mitarbeiterakquise über die Erstellung eines Arbeitsvertrags bis hin zur Verwaltung der Mitarbeiterakte digital über unterschiedliche Tools, etwa ein Bewerbermanagement oder eine elektronische Mitarbeiterakte zu lösen.“ Sämtlichen Informationen rund um jeden einzelnen Mitarbeiter könnten also hinterlegt und jederzeit abgefragt werden. Auf diese Weise könne man viele Prozesse deutlich vereinfachen und beschleunigen: „Hat man beispielsweise einen Auftrag erhalten, für den der Auftraggeber bestimmte Qualifikationen der eingesetzten Mitarbeiter fordert, kann man die entsprechenden Mitarbeiter mit einem Klick aus dem Pool an Angestellten abrufen und braucht nicht stundenlang Akten durchforsten“, erklärt Simon Schneider.

Digitalisierung bringt haufenweise Vorteile und Chancen für die Branche Es lässt sich – nüchtern betrachtet – also konstatieren, dass der Digitalisierung haufenweise Vorteile und Chancen inhärent sind. Daher stellt sich die Frage, warum viele Unternehmer blocken beim Thema, warum scheuen sie den Sprung in ein neues Zeitalter, warum verharren sie wie das Reh im Scheinwerferlicht? Dafür gibt es offenbar unterschiedliche Gründe. Große Verantwortung dafür trägt ein ganz normales, menschliches Verhaltensmuster: Die Gewohnheit. An sich sind Gewohnheiten durchaus positiv zu bewerten, schließlich sorgen sie dafür, dass uns viele Dinge leichter fallen. Aktive geistige Handlungen strengen hingegen deutlich mehr an, kosten mehr Energie und werden daher gerne vermieden. Vor allem mit zunehmendem Alter fällt es den meisten Menschen schwer, sich Neuerungen zu öffnen. Sie wollen ungern raus aus ihrer Komfortzone. „Daher sind vor allem ältere Unternehmer häufig nicht bereit, sich auf digitale Lösungen einzulassen, sehen den Kosten-Nutzen-Faktor gar nicht oder blenden ihn aus“, hat Simon Schneider festgestellt.

Doch es gibt ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Problem: Immer wieder fällt der Begriff Datenschutz. So wollten viele Unternehmer beispielsweise nicht, dass alle Mitarbeiter den Dienstplan einsehen könnten, hat Simon Schneider in der Vergangenheit erfahren. Als Begründung für derartige Bedenken fügen die Unternehmer an, dass sie dem Futterneid keinen Vorschub leisten wollten; dass sie also verhindern wollten, dass der eine Mitarbeiter sich darüber beschweren könnte, warum er nur die Stundenzahl X in diesem Monat zugebilligt bekomme, während ein anderer jedoch die deutlich höhere Stundenzahl Y leisten dürfe.

Mehr Transparenz und Kommunikation nötig

Hier fordert Simon Schneider mehr Transparenz und mehr Kommunikation: „In der Regel gibt es ja gute betriebliche Gründe dafür, dass eine derartige Konstellation zustande kommt.“ Daher sei Transparenz auf allen Ebenen das A und O. Also zwischen Mitarbeitern und Unternehmen, aber auch auf der Metaebene. „Wir brauchen viel mehr Schutz gegen den Datenmissbrauch. Google, Facebook und Co. müssen offener damit umgehen, was sie mit unseren Daten anstellen.“ In Kontext Datenschutz gelte es aber auch, für noch mehr Sensibilität bei jedem einzelnen zu sorgen. Nun ist es ja so, dass die Zeit nicht stehen bleibt, dass auch die Entscheidungsträger in den Unternehmen jünger werden und mit ihnen sukzessive eine spürbar andere Denke einzieht. „Wir merken, dass eine andere Generation nachkommt, die Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist, die diese Blockaden, diese Abwehrhaltung der Älteren gegenüber der Technik nicht mehr so hat“, meint Michael Kulig daher durchaus erleichtert.

Generationswechsel hält langsam Einzug

So sei man im Jahr 2014, als er, gemeinsam mit seinem Bruder Sebastian, „Coredinate“ gegründet hatte, auf sehr viel Skepsis bei den Unternehmern getroffen. Beispielsweise wenn, die Frage nach dem Speicherort der Daten aufkam: „Wenn wir dann gesagt haben, ‚wir speichern in der Cloud‘, kamen Kommentare wie, ‚Oooh, hören Sie mir doch auf mit der Cloud, da gibt es doch dauernd Datenskandale‘ oder ‚die werden ja ewig gehackt‘. An diesem Punkt waren die Gespräche damals schnell beendet.“

Mittlerweile führe man bei „Coredinate“ allerdings vermehrt Verhandlungen mit den sogenannten „digital natives“, die keine Scheu vor der Technik mehr haben, ganz im Gegenteil, die nach ihr gieren. „Daher wird es auch keine Umkehr mehr von der Cloud geben“, wiederholt Michael Kulig. Ganz einfach, weil es bequem sei, Daten jederzeit und überall zur Verfügung zu haben. Und wenn etwas bequem und praktisch sei, dann sei der Mensch auch tolerant. Selbst dann, wenn es zu Fehlern oder Vorkommnissen kommt, wenn etwa mal was gehackt werde. „Das ist gut, denn es sorgt für die Akzeptanz von Tools wie ‚Coredinate‘ und bringt dadurch die Digitalisierung der gesamten Branche voran, ergänzt Alexander Thiel, Marketing Leiter bei Coredinate.

Muss auch der Kleinunternehmer digitaler werden?

Doch ist es wirklich für jedes Sicherheitsunternehmen sinnvoll oder gar nötig, sich die Kosten für eine Digitalisierung ans Bein zu binden? Sich eine Vielzahl an Technik zuzulegen, die man, um sie effektiv nutzen zu können, dann auch möglichst gut beherrschen muss? Simon Schneider von den „Dienstplanmachern“ ist davon überzeugt: „Spätestens, wenn man bei einer Mitarbeiterzahl von 30 angekommen ist, sollte man digitale Lösungen nutzen.“ Denn schon bei dieser relativ geringen Zahl an Personal kämen enorm viele Daten zusammen, die verwaltet werden müssten. Aber auch bei Mitarbeiterzahlen darunter empfiehlt er den Einsatz einer speziell auf die Sicherheitsbranche zugeschnittene Software: „Und zwar sowohl für das operative Geschäft als auch für die Verwaltung“.

Plattform bringt die drei Beteiligten einer Sicherheitsdienstleistung zusammen

Einen anderen Ansatz, respektive einen anderen Bereich in Sachen Digitalisierung in der privaten Sicherheit beackert das Leipziger Start-Up SECmarket. Das Team um Geschäftsführer Tim Sauer will mit seiner Plattform die drei Beteiligten einer Sicherheitsdienstleistung, also Arbeitnehmer, Unternehmer und Auftraggeber möglichst optimal vernetzen. „Momentan ist es doch so“, sagt Tim Sauer, „wenn ich Personal suche, nutze ich drei bis vier verschiedene Portale, von denen mich zwei direkt mit der Veröffentlichung Geld kosten. Diesem Missstand begegnen wir mit einer Job-Plattform, die erst nach angenommener, qualifizierter Bewerbung abrechnet.“ Ein weiterer Vorteil von SECmarket sei es, dass Unternehmen potenzielle Mitarbeiter direkt auf der Plattform kontaktieren und so Zeit und Geld sparen könnten.

Ein weiteres wichtiges Thema für jeden Sicherheitsdienst ist zudem die Auftragsakquise. Doch die ist meist aufwändig und oft kostspielig. Denn entweder muss man in mühsamer Kleinarbeit potenzielle Kunden von seinem Service überzeugen oder man beauftragt einen Vertriebler damit. „Mit SECmarket kürzen wir das ab. Auf unserer Booking-Plattform können Sicherheitsunternehmen praktisch ohne Akquiseaufwand und in Echtzeit gebucht werden“, betont Sauer, der mittelfristig das Unternehmens-Portfolio noch um ein branchenspezifisches Newsportal sowie einen Marktplatz für Security-Equipment und Bildungsangebote erweitern will.

Bewacherregister ein gutes Beispiel für die Sinnhaftigkeit der Digitalisierung

Wer jetzt noch nicht davon überzeugt ist, dass die Digitalisierung auch für die private Sicherheit eine große Rolle spielt und in Zukunft noch eine größere spielen wird, muss sich nur bewusst machen, dass selbst die öffentliche Hand zunehmend auf dieses Pferd setzt. Auch wenn dem einen oder anderen das so gar nicht bewusst ist. Denn ein Themenbereich der Digitalisierung durch Behörden, der ganz konkret die Sicherheitsbranche betrifft, ist das Bewacherregister (BWR). „Das wurde uns zwar oktroyiert und ich hatte erst meine Probleme damit“, betont Michael Kulig, „mittlerweile sehe ich es aber als echte Verbesserung für die Branche.“ Denn es zeige, wie die Digitalisierung Einfluss auf die Branche nimmt, sie aber auch positiv verändern könne. War die Anmeldung von Mitarbeitern vor dem BWR ein komplexer informeller Akt, bei dem man noch Faxe an das Ordnungsamt verschicken musste, um Personal anzumelden, gehe das jetzt vollelektronisch – vor allem aber schnell.

Ein weiterer Vorteil des BWR sei es, dass, wenn der der Mitarbeiter seine Bewacher-ID erhalten habe, man diese nur hinterlegen müsse und sie dann automatisch verknüpft werde. So muss niemand, der bereits überprüft wurde, noch einmal den ganzen Prozess durchlaufen. „Ich habe also eine Referenz, den sogenannten Primärschlüssel durch die Bewacher-ID und kann damit effektiv Prozesse straffen in der Bewachung. Das ist für mich ein gutes Beispiel für Sinnhaftigkeit der Digitalisierung“, so Kulig weiter.

Digitalisierung hat an vielen Stellen Einzug gehalten

Man sieht also, dass die Digitalisierung die private Sicherheitsbranche schon heute an vielen Stellen und in vielen Bereichen mal mehr, mal weniger durchwoben hat. Und ein Ende des rasanten technischen Fortschritts der vergangenen Jahre ist nicht abzusehen. Ganz im Gegenteil, Rechnerleistungen steigen exponentiell, Videokameras werden immer leistungsfähiger und pfiffige Entwickler erschließen immer mehr Bereiche für die Digitalisierung.

Es lohnt sich also ein Blick in die Glaskugel: Wir bedienen uns erneut bei der Science-Fiction. Diesmal jedoch bei ihrer dunklen Seite. Denn es gibt Gedankenspiele – vor allem von den Nerds und Geeks aus dem Silicon Valley – wohin die digitale Reise hingehen soll. Eine Reise, die dem Normalo die Gänsehaut über den Rücken jagt. Diese selbst ernannten Visionäre haben sich lange vom Gedanken, der Mensch sei die Krönung der Schöpfung verabschiedet, sehen ihn viel mehr als Mangelwesen.

Erinnerungen an „Cyborg“ und „Terminator“ werden wach

Entsprechend dieser Auffassung wollen die Entwickler aus Palo Alto und Co. gerne die menschlichen Schwächen durch die Implementierung digitaler Bauteile kompensieren. Eine Vorstellung, die unmittelbar an Spielfilme wie „Cyborg“ oder „Terminator“ erinnert – und durchaus furchteinflößend daherkommt. „Beispielsweise Peter Thiel, Mitbegründer von PayPal, hat derartige Ideen. Also frei nach dem Motto: Eine elitäre Gesellschaft versucht die Zukunft zu gestalten und dabei die Schwächen der Menschheit auszumerzen“, führt Michael Kulig von „Coredinate“ beispielhaft an.

Kuligs Meinung nach seien solche Ideen mehr als kritisch zu bewerten. „Da muss man aufpassen, dass man bei aller Begeisterung für die technischen Möglichkeiten noch rechtzeitig die Kurve kriegt.“ Aktuell sei er zwar nach wie vor sicher, dass es bis dahin noch dauert. Auf der anderen Seite hätten die letzten hundert Jahre aber auch gezeigt, dass die technische Entwicklung exponentiell fortschreitet. Also aufgepasst. Auch Simon Schneider findet diesbezüglich mahnende Worte: „Alles zu machen, was möglich ist, wäre falsch und gefährlich.“ Den „Cybernetic Organism“ a la „Robocop“ will sicher niemand als Türsteher oder Revierfahrer sehen.

Echtzeitkommunikation sollte weiter forciert werden

So spannend wie derartige Zukunfts-Szenarien auch sein mögen, letztlich wären sie nur das Ende einer Entwicklung, von der die meisten wollen, dass sie so nie eintreffen wird. Vielmehr kleine, aber feine Fortschritte zum Nutzen der Menschen erhoffen sich die meisten User. Selbstverständlich bildet auch die private Sicherheit da keine Ausnahme. Folgt also die Frage an die Experten von „Coredinate“ und „Dienstplanmacher“. Was kann die Branche in Zukunft noch erwarten, oder was wäre zumindest wünschenswert?

Vor allem bei der Echtzeitkommunikation sehe er noch Potenzial, die müsse seiner Meinung nach weiter ausgebaut werden, betont Simon Schneider, der seine Wurzeln im Veranstaltungsschutz hat. „Sowohl innerhalb der Unternehmen aber besonders auch bei der Zusammenarbeit mit den BOS (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben Anm. der Redaktion).“ So glaubt er, dass, wäre die Kommunikation zwischen Polizei und Sicherheitsdiensten bei der Duisburger Loveparade-Katastrophe 2010 „schneller, intensiver und direkter verlaufen, es möglicherweise zu einer anderen Einschätzung der Lage und somit zu einem weniger schweren Verlauf gekommen wäre.“

Welches Feature wird als nächstes integriert?

Eher in Richtung Erleichterung und weiterer Straffung von Arbeitsprozessen durch leistungsfähige Software denkt Michael Kulig. „Wir haben bei uns ständig die Diskussion, welches Feature wir in unsere Software integrieren wollen“, betont er, ohne weiter ins Detail zu gehen. Inzwischen verfüge „Coredinate“ über einen Katalog an Kundenvorschlägen, mit dessen Umsetzung man sich die nächsten zehn Jahre beschäftigen könne – und wäre wahrscheinlich immer noch nicht durch. „Aber wir müssen uns zügeln, weil es sonst den Menschen und den menschlichen Geist einfach überfordert, wenn man die Schotten vollständig öffnet.“

Die Gesprächspartner:
Name
: Simon Schneider
Position bei den Dienstplanmachern: Geschäftsführer

Name: Michael Kulig
Position bei Coredinate: Geschäftsführer

Name: Alexander Thiel
Position bei Coredinate: Leiter Marketing

Name Tim Sauer
Position bei SECmarket: Geschäftsführer